Nieselnder Regen

Ich sterbe beständig ganz sanft vor mich hin,
tagein und tagaus bloß ein ganz kleines Stück.
Das ganz große Glück stand bei mir zu Beginn,
es fühlte sich an wie ein nieselnder Regen.
Mit feucht fahlem Flaum denke ich hier zurück.

Ich sterbe beständig ganz sanft vor mich her,
des morgens, wenn irgendein Zeitgerät dröhnt.
Die Liebe lag lang wie ein trunkenes Meer,
es fühlte sich an wie ein nieselnder Regen.
Doch Wasser verdunstet, es bleibt nichts geschönt.

Ich sterbe beständig ganz sanft vor mich hin,
des mittags, da wir einen Pausenkreis drehn.
Dein Plappern erfüllte mir meist meinen Sinn,
es fühlte sich an wie ein nieselnder Regen:
Behutsam betröpfelt, doch keiner bleibt stehn.

Ich sterbe beständig ganz sanft vor mich her,
des abends, wenn Tagwerk ward nutzlos vertan.
Das zweisame Essen, erquickend und schwer,
es fühlte sich an wie ein nieselnder Regen,
der digestif-panschend verzögert den Wahn.

Ich sterbe beständig ganz sanft nur für mich,
wohin ich auch geh, auf verschlungenen Wegen,
da merk ich, wie viel schon vom Dasein verstrich.
Es fühlte sich an wie ein nieselnder Regen:
Benetzend und ätzend. Nur nicht überlegen.

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Nicht Er

Sag, willst Du mir die Liebste sein,
die Zweisamkeit zu zweit erwandern?
Ich weiß, Du lebst nicht ganz allein,
kochst heute noch mit einem andern.

Doch schau, was der kann, liegt auch mir:
ich finde Haare in der Suppe,
das Bad verschmutz ich Dir zur Zier,
der Dreck von mir ist mir oft Schnuppe.

Beim Putzen zeig ich Sparsamkeit,
den Müll entsorg ich auf Geheiß,
zum Steuern zahlen brauch ich Zeit,
nur Pausen mache ich mit Fleiß.

Du siehst, Du kriegst, was Du schon kennst,
doch hör, ein Unterschied wiegt schwer,
ich hoffe, das Du den erkennst:
Ich bin nicht er!

Ein Unfall

Heut Morgen, etwa neun Uhr zehn,
da trank ich einen Kaffee-Latte,
erhoffte mir, ich werd‘ sie sehn.
Tatsächlich stand sie auf der Matte.

Sie grüßte kurz, um nicht zu grüßen,
indem sie ihre Schulter zeigte,
entzog so Boden meinen Füßen,
– unter mir war nur noch Weite.

Drum fiel ich plötzlich, ich fiel leis‘,
ich sah ganz kurz noch ihren Rock
und danach stieß ich meinen Steiß:
Ich landete im untern Stock.

Dort lag ich zwischen fremden Leuten
erbleicht ab meines Schreckes Schrei.
Die wussten nicht den Fall zu deuten.
Doch traurig lag mein Herz entzwei.

Halb staubbedeckt schnell aus dem Staub,
so dacht ich nur noch voller Trauer.
Ich humpelte, halb blind, halb taub,
zur nächsten freien Klagemauer.

Dort merkt‘ ich, ich war noch am Leben.
Mein Herz, das manchmal übertreibt,
ich konnte es zusammenkleben.
Nur leider: eine Narbe bleibt.

Weihnachtsgedanke

Ich weiß, die Leser glauben’s kaum,
doch dies Jahr ist mein Weihnachtsbaum
mit Silberglanz und Kerzen gar
noch hübscher als im letzen Jahr.

Ich sitze da und schau die Pracht,
mein Radio spielt Stille Nacht,
Oh fröhlich!, Kommt ihr Kinderlein!,
und an Neujahr mal Auld lang syne.

Mein Weinglas duftet leicht nach Zimt
und Schoko. Eine Kerze glimmt.
Neun Plätzchen ess ich feierlich –
und denk zum Ende bloß an Dich.

Altweibersommer

Federweißer füllt den Becher,
diesen Vorteil kennt der Herbst.
Kinder spielen in der Sonne.
Maya sucht nach einem Stecher.

Hoch mein Glas. Es fehlt an Mumm
wie an Wespen in der Luft.
Wasser glitzert in der Tonne.
Sehnsucht lächelt leicht und stumm.

Hefe klebt am Glas so grün.
Jule schwelgt vom Sommerglück,
achtsam, sich nicht zu verkühl´n.
Ein Gefühl dann: scharf, heiß, kühn.

Federweißer rinnt dahin,
hier ein Windrad vor dem Sturm,
Mädchen lächeln, Wangen glühn.
Beischlaf!, trübt Frau Mayas Sinn.

Literaturtipp

Man hat mir meinen Blog „empfohlen“:
Ein Freund sagte mir unverhohlen,
da schreibe jemand abendlich
ganz unbedarft und liederlich.

Ich hab den Blog dann auch gelesen
und fand ihn ziemlich auserlesen.
Klar: ab und zu – vielleicht – die Masse…
Doch meist fand ich ihn große Klasse!